Grauzone... Wieso eigentlich?

Nicht jeder ist ein Steven Hawking.

 

Ich mag den Mann. Nicht nur weil er mit Sicherheit einer der brilliantesten Köpfe unserer Zeit ist, sondern weil er es versteht seine Gedanken Menschen nahezubringen deren geistiges Niveau weit unter seinem eigenen angesiedelt ist. Was gefühlt auf 99,99⎺ % der Weltbevölkerung zutrifft.

 

Wer so etwas kann, der benötigt keinen Ghostwriter, denn Hawking ist nicht nur brilliant, sondern auch lernfähig. Fiel es in "Eine kurze Geschichte der Zeit" noch schwer bis zum Schluss ohne das ernüchternde Gefühl völliger geistiger Unzulänglichkeit aufmerksam zu lesen, war "Das Universum in der Nussschale" schon wesentlich näher am Leser, flüssiger geschrieben und insgesamt kurzweiliger.

 

Nichtsdestotrotz griff Hawking in seinem nächsten großen Erfolg auf Leonard Mlodinow als "Co-Autor" zurück. Selber Physiker - aber eben auch Drehbuchautor - fiel es diesem nicht allzu schwer, sich in Hawkings "M-Theory" hineinzuversetzen. Laut einem in der Zeit online veröffentlichtem Artikel setzte Mlodinow in mehreren Versuchen zu den ersten dreißig Seiten des Buches an, bis Hawking sich mit diesem Intro einverstanden erklärte, und schrieb den Rest - immerhin verbleibende 162 Seiten - flüssig herunter.

 

Eigentlich hat Hawking mit der Berufung eines Co-Autors nichts anderes gemacht als jeder Ottonormalverbraucher, der sich sein Bad renovieren lässt. Fliesenlegen, Installation, Putz- und Abdichtarbeiten, das ist nun mal nicht jedermanns Sache. Das Handwerk will erlernt sein und es will praktiziert werden. Mit der Erfahrung steigen die Fähigkeiten, der Mensch wächst schließlich an seinen Aufgaben.

 

Wie geht so eine Badezimmerumgestaltung und -erneuerung denn nun von Statten?

Üblicherweise stellt man sich ins Bad, fühlt sich nicht mehr wohl und geht im Geiste durch, wie dieser Umstand zu beseitigen wäre. Das Waschbecken ist oll, das muss neu. Die Duschkabine sieht aus wie eine Tropfsteinhöhle, total verkalkt, und sowieso: Eine ebenerdige Dusche mit Klarglastüren ist ohnehin zeitgemäßer. Der alte Allibert ® aus den 80ern hat seine besten Zeiten auch hinter sich. Und blau marmorierte Fliesen sind ja sowas von out... Ab in den Baumarkt!

Nach diversen zögerlichen Versuchen die Umgestaltung der Nasszelle höchstselbst vorzunehmen werden die meisten von uns jedoch feststellen, dass die handwerkliche Umsetzung einer tollen Idee in ein fertiges Produkt eben doch nicht die, anfangs mit einem Fingerschnippsen bedachte, Leichtigkeit ist.

In der Folge kann man sich damit abfinden den Rest seines Lebens Körperhygiene auf einer Baustelle betreiben zu müssen, von mit den Umständen unzufriedener Frau und Kind verlassen, oder - man lässt den Profi ran. Und alles wird gut.

 

Mit der Schreiberei ist das ganz ähnlich. Da hat jemand eine prima Idee, denkt sich ein Handlungsumfeld und Charaktere aus und spinnt sich einen Ablauf zurecht . Dann setzt sich derjenige/diejenige hin und beginnt zu schreiben.

10 Seiten. Fertig.

Alles erklärt.

Toll.

Ab in die Schublade mit dem Müll.

 

...Oder mal 'nen Profi fragen. Jemand, der sich auf storytelling versteht. Der Ideen ausschmückt und weiterspinnt, der nicht erklärt, sondern erzählt.

 

Was bitte ist daran verwerflich, oder moralisch fragwürdig? Es sei denn...

 

Es sei denn, das Ganze bezieht sich nicht auf einen literarisch-künstlerischen Zusammenhang, sondern auf einen akademischen.

Ich will hier keinem auf den Schlips treten, aber akademisches Ghostwriting ist im besten Fall Schummelei. Das sollte mal ganz klar gesagt werden. Schade, dass durch diesen Zweig unseres Berufsstandes der gesamte Begriff "Ghostwriting" in Verruf gerät. Und immer mehr in die im Titel erwähnte Grauzone gedrängt wird. Man unterscheidet irgendwann einfach nicht mehr zwischen der einen Tätigkeit, die dazu dient Gedanken und Fantasie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen um zu unterhalten, zu bilden und einfach etwas schönes zu schaffen - also Kunst - und einer anderen, die lediglich dafür bestimmt ist der Bequemlichkeit und, im schlimmsten Fall, Unfähigkeit einer selbsterklärten Elite Vorschub zu leisten und unverdiente Karrieren zu fördern.

Wer nicht über die Fähigkeit verfügt eine simple Bachelor- oder Masterarbeit zu Papier zu bringen sollte sich fragen ob er nicht in einem ehrlichen Handwerksberuf besser aufgehoben wäre. Wer seine Arbeit aus zeitlichen Gründen nicht schreiben "kann", darf gern darüber nachdenken, ob er sein Fach und seine akademische Ausbildung ernst genug nimmt.

 

So!

Jetzt habe ich aber mal Dampf abgelassen.

 

Auf die Kommentare bin ich gespannt...

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Paul (Dienstag, 30 August 2016 13:07)

    Hallo Schreibegeist...

    Der Vergleich mit der renovierung des Bades ist ein bisschen strange zuerst. Aber wenn man etwas drüber nachdenkt, macht es Sinn.
    Aber ob es Sinn macht den Studenten, die einen Ghostwriter engagieren, Faulheit und Unfähigkeit zu unterstellen, das frage ich mich dann doch. Die Anforderungen an die Arbeiten sind schon sehr hoch.

    Paul

  • #2

    Michael Pils (Schreibegeist) (Dienstag, 30 August 2016 14:32)

    Hallo Paul!

    Danke für Ihren Kommentar.
    Ist ein wenig provokant, meine Aussage, nicht wahr? Ich beziehe mich dabei jedoch auf ein Interview mit einem akademischen Ghostwriter, welches ich bei youtube gefunden hatte. Derselbe behauptet dort genau dieses, nämlich dass der Großteil seiner Kunden nicht über die sprachlichen oder intellektuellen Fähigkeiten verfügt eine akademische Facharbeit zu verfassen. Ein anderer Teil verfüge seinen Angaben zufolge über mehr Geld als Motivation.

    Zu den Anforderungen: Nach etwa einer halben Stunde Google Recherche hat man eigentlich herausgefunden, wie so eine Arbeit der Form nach aufgebaut sein sollte. Wenn man nun sauber mit Quellen umgeht und sein Fach verstanden hat, sehe ich die einzig große Anforderung in der Zeit die es zu investieren gilt um seine Gedanken sauber in Schriftgut umzusetzen. Wenn man das dann auch noch in der Art macht, dass der fachfremde Kumpel oder die Mutti am Ende versteht worum es im Groben geht, sind alle Anforderungen erfüllt.
    Natürlich sind diese höher als diejenigen, die an einen angehenden Gesellen oder Meister eines Handwerks gestellt werden. Ein Handwerksmeister ist aber auch kein Akademiker...