No!Spec


"Sehr geehrter Herr Pils,

gerne möchte ich Sie mit dem Lektorat meines Manuskripts [...] beauftragen.

[...]

Vorher möchte ich mir natürlich einen Eindruck von Ihrer Arbeit machen und überlasse Ihnen daher eine Leseprobe für das Exposé, die Sie mir bitte bis spätestens [...] vollständig lektoriert und frei von Rechten zurücksenden. Bei Gefallen beziehe ich Sie gerne in die engere Wahl für das Lektorat des vollständigen Werkes mit ein.

 

Mit freundlichen Grüßen"

[irgendein Autor]

 

"Sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich schreibe derzeit an einer wissenschaftlichen Abhandlung zum Thema [...] und benötige tatkräftige Unterstützung in den Bereichen [...].

Bevor ich Sie verbindlich beauftrage, möchte ich mich vergewissern, dass wir sprachlich auf einer Welle schwimmen. Daher erlaube ich mir, einen thematisch an die Ausarbeitung angelehnten Fachartikel - welcher in der [Monat]ausgabe der [...] erscheinen soll - bei Ihnen anzufordern. Diesen würde ich als Arbeitsprobe ansehen und Sie bitten, mir diese Probe rechtefrei zur Verfügung zu stellen.

 

Wenn die Arbeitsprobe meinen Vorstellungen entspricht, bin ich bereit Verhandlungen bezüglich der Verfassung der kompletten Abhandlung mit Ihnen aufzunehmen.

 

Mit freundlichen Grüßen"

[irgendein wissenschaftlicher Mitarbeiter irgendeiner Universität]

 

So etwas nennt man spec working (bzw. die Frage nach demselben), ein Trend der zunehmend von jenseits des Atlantiks zu uns herüberschwappt. Spec work - "spec" ist hierbei kurz für "speculative" - ist im Wortsinne spekulative Arbeit. Also eine Arbeit mit der Spekulation darauf, dass selbige möglicherweise zu weiterer Arbeit führt.

Unbezahlt, versteht sich. Als Arbeitsprobe eben.

Grundsätzlich ist der Gedanke ja nicht dumm. Schon der Vater des Klempnermeisters Röhrich - berühmt durch die "Werner" Comics und Animationsfilme des Künstlers "Brösel" Rötger Feldmann - wusste: "Arbeit zieht Arbeit nach sich!". Wie viele der Weisheiten des alten Röhrich ist auch diese nicht einfach so von der Hand zu weisen. "Satisfied customers are returning customers" - zufriedene Kunden kommen wieder. Das kann ich voll bestätigen. Wie aber soll ein (potentieller) Kunde vorab wissen, ob er mit meiner Arbeit zufrieden sein wird? Sprachgefühl, Sprachgewandheit, Wortschatz, Empathie - das sind alles Dinge, die man nicht in einer technischen Beschreibung darstellen kann. Und wirklich viel, aus dem der werden wollende Kunde Rückschlüsse auf den von mir bevorzugten Schreibstil ziehen kann, gibt es hier auf der Schreibegeist-Seite auch nicht zu finden - ich komme ja kaum dazu mal wieder etwas Text in eigener Sache zu Papier zu bringen.

 

Da ist eine Arbeitsprobe eine feine Sache. Das finde ich auch. Und deswegen lasse ich da auch mit mir drüber reden.

Aber bitte, wenn schon kostenfrei, doch nicht gleich einen vollständigen Artikel, eine Leseprobe oder eine sonstwie abgeschlossene Arbeit, die einen vollen Arbeitstag in Anspruch nimmt - und dann auch noch frei von Urheberrechten und zur freien Verwertung durch den - sich möglicherweise nie wieder meldenden - "Kunden"!

 

Nee, das geht nicht.

Ich habe mir kürzlich den Scherz erlaubt, in gleicher Art und Weise bei verschiedenen Handwerksbetrieben anzufragen. Die freundlichste, wenn auch trotzdem ablehnende Antwort bekam ich von einer Autowerkstatt, die ich gebeten hatte mir kostenfrei das Öl zu wechseln bevor ich darüber entscheiden würde, eine große Inspektion in Auftrag zu geben. Anscheinend ist die Konkurrenzsituation in der Branche ausreichend groß, um sich mit einem Rest von Höflichkeit selbst solcher Fragen anzunehmen.

Die direkteste Antwort kam vom Fliesenleger und lautete schlicht und ergreifend: "Du spinnst wohl?", die kürzeste vom Gärtner, der sich auf ein verwundertes "Wat?" den Sachverhalt der kostenlos zu stutzenden Hecke nochmals erklären ließ bevor er das Telefonat kommentarlos beendete.

 

Soll ich Ihnen was sagen? Ich empfand die durchweg ablehnende Haltung der von mir angefragten Handwerker als absolut berechtigt und würde mir wünschen, wir Kreative hätten auch ein entsprechendes Selbstwertgefühl und das Bewusstsein um den Wert unserer Arbeit, und würden uns - und damit auch andere in der Branche tätige - nicht dadurch abwerten, spec working Aufträge anzunehmen.

 

Daher mein Aufruf an alle freiberuflich kreativ Tätigen: Tut das nicht!

Wertet eure und meine Arbeit nicht dadurch ab, dass ihr sie billigst an den Mann zu bringen versucht. Und wenn ihr einen Auftrag nicht bekommt, weil ihr eine breite Brust zu zeigen wagt - dann kommt der nächste ganz bestimmt. Wenn ihr euch Sorgen um eure Rente macht, dann hättet ihr eben etwas Vernünftiges lernen, oder gleich eine Beamtenlaufbahn einschlagen sollen. Da ist alles schön geregelt und sicher.

 

Und ein Aufruf an alle Interessenten und mögliche Kunden: Tut das nicht!

Unbezahlte Arbeit übt nicht etwa, nein - sie frustriert und macht mürbe. Durch die Forderung nach spec working und der anschließenden Vergabe von Aufträgen an den, der nicht nur kostenlos geliefert hat, sondern danach auch noch billigst arbeitet, wird ein ungesunder Druck auf die gesamte Branche ausgeübt - welcher langfristig der Qualität der von Ihnen als Kunde geforderten Arbeit nicht dienlich ist. Und unbezahlte Arbeit dann auch noch zum eigenen Vorteil zu verwerten ist nun wirklich alles andere als schicklich.

 

So! Halleluja!

Das musste einfach mal gesagt werden.

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