Oder machen Sie dann gerade Urlaub?


... werde ich derzeit oft gefragt, wenn es um die Erteilung eines Auftrags geht.

 

Als Kunde - ich sage ja lieber Klient, das klingt viel würdevoller als der "ich-muss-mal-eben-den-Kunden-machen" Terminus aus dem Aldi-Kassen-Business - ist man natürlich am Zeitrahmen, der für eine Arbeit zu kalkulieren ist, sehr interessiert. Wenn ein zu lektorierendes Manuskript in zwei Monaten beim Verleger liegen soll, ist eine zweiwöchige Zwangspause wegen Urlaubs dem im Literaturbereich üblichen Zeitdruck eher nicht Abhilfe schaffend.

 

Ich beantworte die Eingangs erwähnte Frage daher regelmäßig und voller Inbrunst mit einem zutiefst überzeugtem "Nö!".

 

Das klingt dann erstmal nach Arbeitswut und tiefaufrichtiger Bekenntnis zur sagenhaften und beinahe schon per Gesetz verordneten deutschen Leitkultur. Wobei man sich nun darüber streiten kann, ob "deutsche Leitkultur" als Eigenname gesehen werden muss, und damit mit einem großen "D" beginnt, oder das "deutsch" als Adjektiv durchgeht und somit den völlig schwachsinnigen Begriff der Leitkultur nicht noch mehr ins nationalistische Extrem treibt. Ich behalte mir das bisschen Protest für mich und schreibe "deutsch" klein. So! Ohnehin halte ich es gern mit dem Deutschsein wie einer einer liebsten Kabarettisten - Volker Pispers - der da sagt: "Ich bin so sehr damit beschäftigt, Mensch zu sein - zum deutsch sein komme ich kaum noch."

 

Grundsätzlich aber, um zum Thema zurückzukehren, mag ich mein "Nö" auf die Frage ob ich etwa um einen bestimmten Zeitpunkt herum Urlaub mache sehr. Auch wegen der sozialen, beziehungsweise solidarischen Komponente, die in dieser Aussage steckt. "Nein, lieber Klient - wenn Sie ein Projekt in Angriff nehmen, dann bin ich garantiert nicht im Urlaub." Das klingt doch gut und verschafft eine angenehme, warme und solidarische Arbeitsumgebung. Außerdem verdeutlicht es die Wichtigkeit des jeweiligen Vorhabens und die Ernsthaftigkeit meines Willens, mich dem widmen zu wollen. Das ist gut, denn so ist es von meiner Seite ja auch gemeint und gewollt, wenn ich einen Auftrag annehme.

 

Jetzt kommt der enttäuschende Part, zumindest für denjenigen, der in mir ein leuchtendes Beispiel für Fleiß und Strebsamkeit sehen möchte.

Dem ist nämlich nicht so. Also dem mit der Arbeitswut, dem Fleiß und der Strebsamkeit.

Dem ist sogar alles andere als so.

So gesehen mache ich ständig Urlaub. Nur eben anders, als Otto Normalverbraucher gefälligst Urlaub zu machen hat.

Ich mache sogar Urlaub, wenn ich an und für sich für Sie arbeite.

 

Wer sich den Standort meines Schreibstübchens einmal auf einer Karte anschaut, der wird feststellen, dass ich in unmittelbarer Nähe der friesischen Nordseeküste, genauer direkt am Jadebusen, lebe und arbeite. Das ist dort, wo jährlich tausende Touristen aus den südlicher gelegenen Bundesländern ihren Jahresurlaub am Meer verbringen.

Mit dem Fahrrad, um die Nähe zum Urlaub einmal auf den Punkt zu bringen, bin ich in etwa 30 Minuten an den Strand im Nordseebad Dangast gefahren. Was ich sehr oft - gerade beim derzeitigen Wetter - mache. Mit über Nacht geladenen Akkus in Handy und Laptop merkt das noch nicht mal jemand. So sitze ich dann im Sand, leicht bekleidet, wühle mit dem großen Zeh Löcher in selbigen und arbeite an Ihrem Text, während ich Badegäste aus dem Ruhrgebiet beobachte, die immer noch meinen, bei uns hier wäre es normal sich mit Hafenschlick (dem sogenannten Tief- oder Schwarzwatt, der im Gegensatz zum helleren Küstenwatt eine eher unappetitliche Variante des Meeresbodes darstellt) einzusauen und den Rest des Tages so herumzurennen. Mitunter kommen mir dabei tolle Ideen, wie eine Klientin kürzlich zwischen zwei Lachattacken feststellen durfte.

 

Zu einem Urlaub gehört aber auch der Abstand von zu Hause, vom Alltag?

Na gut, dann setzen wir uns halt ins Auto, die Luzie und ich (wer die Luzie ist, weiß inzwischen derjenige, der hier im Blog liest, ganz genau. Für alle anderen: Einfach die vorherige Story lesen) und sind in 40 Minuten in Harlesiel. Von dort geht alle halbe Stunde ein Flieger nach Wangerooge. Als Friese sage ich ja immer noch "Wangeroog" - Wanger Oog gesprochen - und schließe mich somit dem Widerwillen der Inselbewohner gegen die behördliche Umbenennung an. Aber das ist eine andere Geschichte.

In 5 Minuten ab Harlesiel ist man auf der Insel und hat einen wundervoll entspannten Tag vor sich, inklusive Strand und Meer und Dünenspaziergang, der bei Bedarf von kurzen Arbeitsphasen unterbrochen werden kann, beim Kaffee in der "Buhne 35" (ja, Buhne, nicht Bühne. Das sind zwei vollig verschiedene Dinge) zum Beispiel. Man ahnt gar nicht, wieviel Abstand zum Alltag 7 km Nordseewatt in sich bergen. Und das Ganze für den halben Preis eines Besuchs im Freizeitpark.

Einen solchen Urlaub mache ich ganz gern ein bis zwei Mal im Monat, jeweils abhängig von Luzies freien Tagen, versteht sich.

 

Ja, das ist aber doch nicht mit, zum Beispiel, einer Kreuzfahrt vergleichbar, mit dem Gefühl unendlicher Weite und Freiheit auf dem offenen Meer?

Wenn man zurück statt des Fliegers die Fähre nimmt, schon. Eine Stunde Fahrt an Seehundbänken vorbei, von kreischenden Möwen begleitet (die nur darauf lauern, dass man sein Brötchen eine Sekunde lang nicht ausreichend bewacht - somit sind dann sogar Piraterie und Klaubolderei als Urlaubskomponente vertreten), entschleunigt sogar die Rückreise. Wenn es unbedingt richtig offene See sein soll, dann kann als alternatives Tagesreiseziel die Insel Borkum punkten. 30 km Hochsee, auf einem Schwabbelschiff zurückgelegt, befriedigt dann auch die Ansprüche hartgesottener See(reise)bären.

 

Machen Sie sich also keine Sorgen darum, ob ich mich beizeiten von der Arbeit an all den Texten erhole und den Kopf entsprechend frei für Sie und Ihr Projekt habe.

Laat mi ans maken, dat geit al.

 

Neulich sagte ein entfernter Bekannter zu mir: "So wie du arbeitest möchte ich mal Urlaub machen."

Ich habe zur Antwort nur beiläufig gelächelt, aber ein gedachtes "armer Kerl" (eigentlich "arme Sau", aber ich habe das gedanklich später überarbeitet) konnte ich mir dann doch nicht verkneifen.

 

Also, bis dahin wünsche ich einen schönen Urlaub.

Wir sehen uns dann dort :)

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