Zurück in die Steinzeit


In einem hochentwickelten, zivilisierten Land zu leben ist nicht immer gleichbedeutend mit "in der Zivilisation" zu leben, wie wir, die Luzie und ich, jetzt kürzlich feststellen durften. Nämlich, als uns gleich nacheinander beide Autos ausfielen, was uns mobilitätstechnisch sozusagen in graue Vorzeit zurück versetzte. Eine interessante Erfahrung, eigentlich. Im Sommer.

 

Ich als Stadtkind, das die Liebe in diese verlorene Landschaft hier draußen am Ende der bekannten Welt geführt hat - nicht die Liebe zur Einöde, muss dabei zwingend erwähnt werden, sondern die zur Luzie - habe die immense Belastung, die entsteht wenn die (Auto)Mobilität einfach mal wegfällt, zuerst gar nicht so wirklich erfassen können. Nicht, dass mir noch nie ein Auto kaputtgegangen wäre. Aber wenn - so what? Dann nimmst halt den Bus, oder gehst zu Fuß zum nächsten Aldi um die paar Lebensmittel einzukaufen, die du täglich so in Energie umwandelst.

 

Aber hier draußen?

 

Da funktioniert das nicht. Der nächste Aldi-Penny-Netto-Edeka-REWE-und-wie-sie-sonst-noch-alle-heißen-Markt befindet sich zwei Orte weiter, in ziemlich präzis gemapten 8 Kilometern Entfernung. Das läufst du im Winter - auch wenn der zur Zeit stattfindende bisher hier im Norden eher mild ist - nicht mal einfach so jeden dritten Tag, und das Fahrrad ist bei Regen und Wind auch nicht die allerbeste Alternative. Ein Bus fährt hier draußen nicht. Obwohl - es gibt eine Bushaltestelle, sogar gleich an der Ecke auf der Landstraße. Aber gesehen habe ich den dazugehörigen Bus bisher noch nicht. Ich glaube ja selbiger existiert gar nicht und die Haltestelle ist lediglich zu Demonstrationszwecken hier aufgestellt: "Schaut her, Landeier, so etwas nennt man öffentlichen Personennahverkehr. Bald auch hier verfügbar. Willkommen in der Zukunft".

 

Oder die Haltestelle ist de facto noch aus dem letzten Jahrtausend übrig geblieben, als auf den Höfen noch Knechte und Mägde untergebracht waren, die sich ein Auto nicht leisten konnten (Heute kann sich das auch kaum jemand leisten, muss es aber, weil Mobilität eine Voraussetzung für zivilisiertes Leben ist) und wurde lediglich vergessen zu entfernen, als der Busverkehr mangels Passagieren zum Erliegen kam.

Selbst wenn hier ein Bus führe - wohin denn dann? Eine zweite Haltestelle ist mir in der Gegend noch nicht zu Gesicht gekommen.

 

Am härtesten getroffen hat es in diesem Fall aber nicht mich, ich muss ja zumindest aus beruflichen Gründen das Haus nicht verlassen, sondern die Luzie. In's Büro, von dort in den Stall und - weil's ohnehin fast auf dem Weg liegt (wenn man "auf dem Weg" großzügig auslegt) - noch beim Kaufmann vorbei, und das ganze im Dunklen - weil selbst die Sonne diesen gottverdammten Landstrich bereits verlassen hat (Naja, eigentlich weil es, wie schon erwähnt, Winter ist, was die Dauer des Tageslichts ja schon per se erheblich einschränkt) - das ging jetzt wirklich an die Substanz des zarten Wesens.

 

Der Anblick meiner nach einer solchen Mammut-Tour nur noch apathisch vor sich hin starrenden Frau und zweier Wutausbrüche derselben, als Glasscherben auf den (Achtung: Ironie) zur vorbildlichen Radweg-Infrastruktur gehörigen... äh... naja, Radwegen sie zu einem mehrere Kilometer umfassenden Fußmarsch bei übelstem Wetter zwangen, brachten mich auf den Gedanken, möglicherweise dem Trend zur Landflucht folgen zu wollen.

 

Ein bisschen Vorfreude empfinde ich bei dem Gedanken ja schon: Busse, die fahren und somit die Abhängigkeit (ich hasse es ja ohnehin, von überhaupt irgendetwas abhängig zu sein) vom Auto eliminieren, Einkaufsmöglichkeiten, auch während der Mittagszeit oder nach 18 Uhr, Kneipen und Cafès in fußläufiger Entfernung, Menschen, die nicht in ihrer Freizeit im Arbeitsoverall durch die Gegend laufen und mehr als zwei Sätze in einer anerkannten Kultursprache artikulieren können - ohne dabei laut zu rülpsen oder mit einem Spaten zu fuchteln...

Ach, wie schön ist es in Panama (frei nach Janosch, der mit der Tigerente).

 

Vielleicht also steht ein Umzug ins Haus.

 

Aber nicht hier auf der Website. Die bleibt, wo sie ist.

Und wie sie ist.

 

Abgesehen von der Preisliste, die ändert sich gerade. So eine Flucht will finanziert sein.

Das war es auch eigentlich, was ich heute mitteilen wollte: Ich passe die Preise für meine Dienstleistungen den Gegebenheiten des Marktes an, demnächst. Ich bin dabei ein wenig abgeschweift.

Das kommt schon mal vor...

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