"Schatz, wo bist du?" "Im Bart!!"


Fast hätte ich jetzt geschrieben, ich würde es bewundern wenn ich mir aufeinanderfolgende Spielfilme mit ein und demselben Hauptdarsteller anschaue und der Held im ersten Film noch eine makellose Rasur vor sich hinträgt, während er im zweiten - nur knapp ein Jahr später im Kino erschienenen - vor lauter Rauschebart kaum noch zu erkennen ist. Den Bartwuchs, nicht die Tatsache, dass jemand in zwei Spielfilmen auftritt.

 

Aber das stimmt nicht, ich bewundere das nicht. Ich bin neidisch. Mir ist dann geradezu schlecht vor Neid und der Rest des Abends ist somit verdorben. Für alle Anwesenden.

 

Ich weiß nicht, was ich nicht schon alles versucht habe, um mir einen Bart wachsen zu lassen. Wobei auch das nicht stimmt. Hauptsächlich habe ich halt einfach versucht, den Pelz wachsen zu lassen, insofern weiß ich also ziemlich genau, was ich dahingehend versucht habe. Vielleicht sollte ich besser schreiben: Ich weiß nicht, was ich - außer wachsen lassen - so alles hätte versuchen können-sollen, um den Bart... nunja, eben wachsen zu lassen. Es ist ja nun nicht so, dass die Barthaare als solches nicht wachsen würden. Das tuen sie schon, nur eben alle einzeln und irgendwie jedes für sich, in verschiedene Richtungen und mit teilweise dramatisch unterschiedlichem Tempo, langsam, sehr langsam und Schildkröte.

 

Wie also bitte machen die das dort in Hollywood, oder in meinetwegen jeder anderen Filmmetropole dieser Welt. Wie machen es diese sogenannten Filmstars, dass ihnen quasi über Nacht ein Bart aus der Verbrechervisage sprießt, der einen Vadder Abraham - der mit dem Lied der Schlümpfe, manch einer erinnert sich vielleicht noch - erblassen lassen würden, falls derselbe noch lebt? Wie macht das ein gottverdammter Christian Bale als Moses, dass ihm noch im laufenden Film ein Bart aus der Hackfresse schießt, dass man schreien möchte vor Neid?? Und wieso, in Dreiteufelsnamen, trägt im gleichen Film( ein abscheulich schlechter übrigens, hauptsächlich wegen der geradezu pornös in den Vordergrund tretenden Bärte) Ben Kingsley - Ben Kingsley, Damen und Herren - einen Bart der aussieht, als wenn sich ein ansonsten normal veranlagter Mensch eine blütenweiße Serviette vor den Bauch gebunden hätte? Ben Kingsley?? Dem verfluchten Mistkerl wachsen noch nicht mal Haare auf dem Kopf!

 

Arschloch!!

 

...!

 

Ja, danke. Es geht wieder. Puh...

 

Ich habe mich jahrelang damit begnügt, einen Drei-Tage-Bart zu tragen. Ein Drei-Tage-Bart ist das armselige Gestopple, welches diejenigen Männer im Gesicht stehen haben, die sich entweder nicht trauen einen richtigen Bart wachsen zu lassen, noch unentschlossen sind, ob sie überhaupt als Bartträger in Frage kommen oder schlichtweg zu faul sind, sich ordentlich zu rasieren. Oder zu besoffen, auch das soll vorkommen. Und so sieht das dann irgendwie auch aus, das Ganze. Leicht ungepflegt bis schwer verkatert. Shabby Chic, quasi.

Bei mir zumindest. Trotzdem gab es für mich keine Alternative. Ich gehörte nämlich zu denen, die zu faul für eine tägliche Rasur sind, ich bin da ganz ehrlich, aber aus den weiter oben ausgiebig behandelten Gründen auch keinen "richtigen" Bart tragen können. Zumal der Drei-Tage-Bart bei mir schon immer mindestens eine volle Woche brauchte, um nach drei Tagen auszusehen.

 

Bis ich dann im letzten Jahr erkrankte, und zwar derart heftig, dass ich wochenlang jenseits von gut und böse vor mich hin vegetierte. In dieser Zeit war mir nur noch wichtig, gesund zu werden - alles andere war mir egal. Auch jegliche Ambitionen in Sachen Bartwuchs oder kein Bartwuchs. Und so fand ich mich, einige Wochen zogen bis dahin ins Land, mit langsam gesundendem Kreislauf- und Verdauungssystem sowie einem schrecklich wirren Drahtgestrüpp unterhalb der Nase um 10 Kilogramm Körpergewicht beraubt auf dem Weg zur vollständigen Genesung wieder - und fasste den Entschluss: Diesmal bleibt er dran. Der Bart. Allein schon wegen des Gewichts.

 

Zum Glück habe ich mir über die letzten Jahre, wohl mehr aus technischem Interesse, einiges an Bartstutz, -schneide und -pflegeprodukten angeschafft - von der Bartbürste über feine Kämme bis zur Bartschere und, nicht zu vergessen, dem sündhaft teuren One-Blade-Präzisionsrasierer. Und so beschäftige ich mich nunmehr einige Stunden in der Woche mit dem ausgiebigem Stutzen und Trimmen der mittlerweile gar nicht mehr so unansehnlichen Manneszierde mitten im Gesicht. Sogar eine Bartpomade habe ich neuerdings, dank der Luzie, die sie zusammengemischt und angerührt hat.

 

Dafür darf sie hin und wieder auch kraulen. Das entschädigt sie möglicherweise für die Zeit, in der ich das Bad blockiere. Kürzlich gestand sie mir ein bisschen neidisch auf die Barthaarpracht zu sein.

 

Neid? Was ist das? Kenne ich nicht.

 

Was das alles mit der Tätigkeit als freier Lektor und dem Internetauftritt hier zu tun hat?

Absolut gar nichts.

Ich kann ja nicht immer nur über die Arbeit reden, oder?

 

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