... und was kost' das?


Es ist ja gar nicht so...

 

...als hätte ich kein Verständnis für den Wunsch nach zügigen und präzisen Preisauskünften.

Nein, ehrlich. Wenn ich, nur als Beispiel, eines wirklich hasse, dann sind das private Verkäufer bei den EBay-Kleinanzeigen, die im Handel meist nur sehr schwer zu bekommende, weil sehr spezielle, Rennradteile mit der Preisvorstellung "VB" anbieten.

"Leute", denke ich mir jedesmal, wenn ich gerade auf der Suche nach einem Upgrade für meine geliebte Rennmaschine bin, "ihr müsst doch wissen, was ihr für den Kram haben wollt!" Schreibt man diese Menschen dann an und fragt freundlich nach der Preisvorstellung kommt als Antwort meistens: "Mach 'nen Vorschlag." Mir ist das dann häufig schon zu blöd und mein Vorschlag lautet stumpf "Einsfuffzich". Was dem Verkäufer selbstverständlich nicht reicht, das ist mir auch klar. Wer sich mit Rennrädern etwas auskennt, weiß ganz genau, das sich an einem solchen Boliden nicht ein einziges Teil befindet, welches für einen Euro und fünfzig Cent zu bekommen ist. Noch nicht mal in kaputtem Zustand.

 

Wenn ich nach solchen Verhandlungen wieder zu klaren Gedanken komme muss ich mir mit schöner Regelmäßigkeit eines jedoch eingestehen: So gesehen verhalte ich mich bei Preisanfragen meiner potentiellen Kunden gar nicht mal so sehr anders als die "VB-Verkäufer".

 

Gut, ich antworte auf Anfragen nicht mit "mach'n Vorschlag", aber eine präzise Preisauskunft zu geben fällt mir per se erstmal schwer. Zumindest im ersten Kontakt. Dafür bitte ich hiermit um Verständnis und möchte kurz erklären, warum das so ist. Also wirklich kurz, nicht wie sonst üblich...

 

Ein Lektorat ist kein Pfund Zucker

 

Alle Jubeljahre einmal ist auch in meinem vor gesunder Nahrung strotzendem Haushalt der Zuckervorrat erschöpft und es muss neuer her. Zum Glück ist die Neubeschaffung des süßen Zeugs nicht weiter schwer: Ab zum Aldi-Lidl-Penny-Plus-Netto-Rewe-Edeka Markt um die Ecke, die hoffentlich anwesende Verkaufskraft nach der Verortung fragen ("dahinten, bei den Nährmitteln"), Zucker nehmen, auf das Kassenband legen - natürlich, wie immer, in der längsten Schlange anstehend - die Kassiererin fragend anschauen, "einsneunundneunzig" (oder was immer der Zucker gerade kostet) gesagt bekommen, "mit Karte" antworten und fertig ist die Kiste. Herrlich unkompliziert. Ich könnte den ganzen Tag lang Zucker kaufen und mich darüber freuen, wie einfach das ist.

 

Wenn nun aber alle Jubeljahre bei jemandem, der ein Manuskript gefertigt hat, eine Website oder einen Blog sein Eigen nennt oder eine Facharbeit in der Mache hat (um nur eine sehr kleine Auswahl an möglichen Szenarien auflisten zu wollen) der Bedarf nach einem Lektorat entsteht, ist es mit "einfach" schnell vorbei. Und zwar noch lange, bevor die Arbeit beginnt. Die erste Hürde entsteht nämlich dann, wenn der zukünftige Kunde - ich finde die Bezeichnung "Klient" schöner - versucht, die Zuarbeit des Lektors in sein Budget hinein zu kalkulieren.

 

Ich persönlich versuche hier mit meiner Preisliste eine Hilfestellung zu bieten, für eine endgültige Kalkulation bietet dieses Instrument allerdings wirklich nur einen groben Anhalt. Und das liegt nicht daran, dass ich besonders hinterlistig wäre oder mich schämen würde, schnödes Geld für meine Wundertätigkeit zu erwarten und diesen Umstand auch deutlich zu kommunizieren. Nein, es liegt daran, dass ich noch keine zwei Projekte auf dem Tisch hatte, die sich in irgendeinen Pauschalvergleich hineinpressen lassen hätten. Tatsächlich kann ich dementsprechend wirklich erst dann eine verlässliche Preisauskunft geben, wenn ich etwas vorliegen habe, was mich in die Lage versetzt meinerseits kalkulieren zu können. Am besten tatsächlich das komplette Skript... Erst dann kann ich absehen welcher Aufwand von mir zu erbringen ist, welche Menge an Seiten zu bearbeiten ist und welcher Grad der Bearbeitung von meiner Seite aus angebracht erscheint. Muss ich noch recherchieren, Quellen abgleichen und Inhalte verifizieren und inwieweit ist das vom Klienten überhaupt erwünscht, um seinen Schreibstil nicht zu verwässern? Fragen über Fragen - und die müssen geklärt werden.

 

Am Ende wird alles gut

 

Denn am Ende steht dann ein verbindliches Angebot auf dem Papier, von dem ich auch dann nicht mehr abweiche wenn ich mich verkalkuliert habe (ich bin, das muss hier mal erwähnt werden, kaufmännisch nicht die hellste Kerze am Baum). Da ich ausschließlich Projekte übernehme, die mich wirklich interessieren, steigere ich mich gerne ein wenig in die Sache hinein und mache mehr, als ich eigentlich veranschlagt hatte. Zum Beispiel erstelle ich regelmäßig zu einem umfassenden Lektorat kostenlos das für die Vermarktung bei Verlagen notwendige Exposé, einfach weil ich, leger gesagt, "da Bock drauf" habe. Ich weiß von Kollegen, die für diesen Part - völlig zu Recht - 200 bis 250 Euro on Top verlangen. Jeder Betriebswirt schlägt jetzt die Hände über dem Kopf zusammen und schaut mich verständnislos an. Und weil es mich amüsiert Leute beim Verlust der Contenance zu beobachten, erwähne ich das Beispiel der Facharbeit an dieser Stelle ganz genüsslich, für die ich ursprünglich die Kosten eines Lektorats nach Preisliste veranschlagt hatte. Der Text war allerdings, auch sprachlich, bereits so gut, dass wesentlich weniger zu bearbeiten war als zuerst nötig erschien. Abgerechnet habe ich dann lediglich ein simples Korrektorat, abweichend vom etwa 30 Prozent höherem ursprünglichen Angebot, zur Freude der Klientin.

 

Sowas kommt vor. Ich arbeite in diesem Beruf nicht nur weil ich das gut kann und spätestens nächstes Jahr Millionär sein will, sondern auch weil ich, um sprachlich weiterhin locker zu bleiben, Bock drauf habe.

 

Also, nutzen Sie meine Lust an der Sache UND meine kaufmännische Unfähigkeit ruhig völlig schamlos aus.

Ich kann das ab!

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Juli (Dienstag, 19 März 2019 10:55)

    Da ist die Erklärung wirklich mal fast kurz geraten! Wie immer großartig geschrieben, informativ UND urkomisch, der Vergleich mit dem Pfund Zucker ist ein Knaller :-)