Zurück in die Steinzeit


In einem hochentwickelten, zivilisierten Land zu leben ist nicht immer gleichbedeutend mit "in der Zivilisation" zu leben, wie wir, die Luzie und ich, jetzt kürzlich feststellen durften. Nämlich, als uns gleich nacheinander beide Autos ausfielen, was uns mobilitätstechnisch sozusagen in graue Vorzeit zurück versetzte. Eine interessante Erfahrung, eigentlich. Im Sommer.

 

Ich als Stadtkind, das die Liebe in diese verlorene Landschaft hier draußen am Ende der bekannten Welt geführt hat - nicht die Liebe zur Einöde, muss dabei zwingend erwähnt werden, sondern die zur Luzie - habe die immense Belastung, die entsteht wenn die (Auto)Mobilität einfach mal wegfällt, zuerst gar nicht so wirklich erfassen können. Nicht, dass mir noch nie ein Auto kaputtgegangen wäre. Aber wenn - so what? Dann nimmst halt den Bus, oder gehst zu Fuß zum nächsten Aldi um die paar Lebensmittel einzukaufen, die du täglich so in Energie umwandelst.

 

Aber hier draußen?

 

Da funktioniert das nicht. Der nächste Aldi-Penny-Netto-Edeka-REWE-und-wie-sie-sonst-noch-alle-heißen-Markt befindet sich zwei Orte weiter, in ziemlich präzis gemapten 8 Kilometern Entfernung. Das läufst du im Winter - auch wenn der zur Zeit stattfindende bisher hier im Norden eher mild ist - nicht mal einfach so jeden dritten Tag, und das Fahrrad ist bei Regen und Wind auch nicht die allerbeste Alternative. Ein Bus fährt hier draußen nicht. Obwohl - es gibt eine Bushaltestelle, sogar gleich an der Ecke auf der Landstraße. Aber gesehen habe ich den dazugehörigen Bus bisher noch nicht. Ich glaube ja selbiger existiert gar nicht und die Haltestelle ist lediglich zu Demonstrationszwecken hier aufgestellt: "Schaut her, Landeier, so etwas nennt man öffentlichen Personennahverkehr. Bald auch hier verfügbar. Willkommen in der Zukunft".

 

Oder die Haltestelle ist de facto noch aus dem letzten Jahrtausend übrig geblieben, als auf den Höfen noch Knechte und Mägde untergebracht waren, die sich ein Auto nicht leisten konnten (Heute kann sich das auch kaum jemand leisten, muss es aber, weil Mobilität eine Voraussetzung für zivilisiertes Leben ist) und wurde lediglich vergessen zu entfernen, als der Busverkehr mangels Passagieren zum Erliegen kam.

Selbst wenn hier ein Bus führe - wohin denn dann? Eine zweite Haltestelle ist mir in der Gegend noch nicht zu Gesicht gekommen.

 

Am härtesten getroffen hat es in diesem Fall aber nicht mich, ich muss ja zumindest aus beruflichen Gründen das Haus nicht verlassen, sondern die Luzie. In's Büro, von dort in den Stall und - weil's ohnehin fast auf dem Weg liegt (wenn man "auf dem Weg" großzügig auslegt) - noch beim Kaufmann vorbei, und das ganze im Dunklen - weil selbst die Sonne diesen gottverdammten Landstrich bereits verlassen hat (Naja, eigentlich weil es, wie schon erwähnt, Winter ist, was die Dauer des Tageslichts ja schon per se erheblich einschränkt) - das ging jetzt wirklich an die Substanz des zarten Wesens.

 

Der Anblick meiner nach einer solchen Mammut-Tour nur noch apathisch vor sich hin starrenden Frau und zweier Wutausbrüche derselben, als Glasscherben auf den (Achtung: Ironie) zur vorbildlichen Radweg-Infrastruktur gehörigen... äh... naja, Radwegen sie zu einem mehrere Kilometer umfassenden Fußmarsch bei übelstem Wetter zwangen, brachten mich auf den Gedanken, möglicherweise dem Trend zur Landflucht folgen zu wollen.

 

Ein bisschen Vorfreude empfinde ich bei dem Gedanken ja schon: Busse, die fahren und somit die Abhängigkeit (ich hasse es ja ohnehin, von überhaupt irgendetwas abhängig zu sein) vom Auto eliminieren, Einkaufsmöglichkeiten, auch während der Mittagszeit oder nach 18 Uhr, Kneipen und Cafès in fußläufiger Entfernung, Menschen, die nicht in ihrer Freizeit im Arbeitsoverall durch die Gegend laufen und mehr als zwei Sätze in einer anerkannten Kultursprache artikulieren können - ohne dabei laut zu rülpsen oder mit einem Spaten zu fuchteln...

Ach, wie schön ist es in Panama (frei nach Janosch, der mit der Tigerente).

 

Vielleicht also steht ein Umzug ins Haus.

 

Aber nicht hier auf der Website. Die bleibt, wo sie ist.

Und wie sie ist.

 

Abgesehen von der Preisliste, die ändert sich gerade. So eine Flucht will finanziert sein.

Das war es auch eigentlich, was ich heute mitteilen wollte: Ich passe die Preise für meine Dienstleistungen den Gegebenheiten des Marktes an, demnächst. Ich bin dabei ein wenig abgeschweift.

Das kommt schon mal vor...

0 Kommentare

Oder machen Sie dann gerade Urlaub?


... werde ich derzeit oft gefragt, wenn es um die Erteilung eines Auftrags geht.

 

Als Kunde - ich sage ja lieber Klient, das klingt viel würdevoller als der "ich-muss-mal-eben-den-Kunden-machen" Terminus aus dem Aldi-Kassen-Business - ist man natürlich am Zeitrahmen, der für eine Arbeit zu kalkulieren ist, sehr interessiert. Wenn ein zu lektorierendes Manuskript in zwei Monaten beim Verleger liegen soll, ist eine zweiwöchige Zwangspause wegen Urlaubs dem im Literaturbereich üblichen Zeitdruck eher nicht Abhilfe schaffend.

 

Ich beantworte die Eingangs erwähnte Frage daher regelmäßig und voller Inbrunst mit einem zutiefst überzeugtem "Nö!".

 

Das klingt dann erstmal nach Arbeitswut und tiefaufrichtiger Bekenntnis zur sagenhaften und beinahe schon per Gesetz verordneten deutschen Leitkultur. Wobei man sich nun darüber streiten kann, ob "deutsche Leitkultur" als Eigenname gesehen werden muss, und damit mit einem großen "D" beginnt, oder das "deutsch" als Adjektiv durchgeht und somit den völlig schwachsinnigen Begriff der Leitkultur nicht noch mehr ins nationalistische Extrem treibt. Ich behalte mir das bisschen Protest für mich und schreibe "deutsch" klein. So! Ohnehin halte ich es gern mit dem Deutschsein wie einer einer liebsten Kabarettisten - Volker Pispers - der da sagt: "Ich bin so sehr damit beschäftigt, Mensch zu sein - zum deutsch sein komme ich kaum noch."

 

Grundsätzlich aber, um zum Thema zurückzukehren, mag ich mein "Nö" auf die Frage ob ich etwa um einen bestimmten Zeitpunkt herum Urlaub mache sehr. Auch wegen der sozialen, beziehungsweise solidarischen Komponente, die in dieser Aussage steckt. "Nein, lieber Klient - wenn Sie ein Projekt in Angriff nehmen, dann bin ich garantiert nicht im Urlaub." Das klingt doch gut und verschafft eine angenehme, warme und solidarische Arbeitsumgebung. Außerdem verdeutlicht es die Wichtigkeit des jeweiligen Vorhabens und die Ernsthaftigkeit meines Willens, mich dem widmen zu wollen. Das ist gut, denn so ist es von meiner Seite ja auch gemeint und gewollt, wenn ich einen Auftrag annehme.

 

Jetzt kommt der enttäuschende Part, zumindest für denjenigen, der in mir ein leuchtendes Beispiel für Fleiß und Strebsamkeit sehen möchte.

Dem ist nämlich nicht so. Also dem mit der Arbeitswut, dem Fleiß und der Strebsamkeit.

Dem ist sogar alles andere als so.

So gesehen mache ich ständig Urlaub. Nur eben anders, als Otto Normalverbraucher gefälligst Urlaub zu machen hat.

Ich mache sogar Urlaub, wenn ich an und für sich für Sie arbeite.

 

Wer sich den Standort meines Schreibstübchens einmal auf einer Karte anschaut, der wird feststellen, dass ich in unmittelbarer Nähe der friesischen Nordseeküste, genauer direkt am Jadebusen, lebe und arbeite. Das ist dort, wo jährlich tausende Touristen aus den südlicher gelegenen Bundesländern ihren Jahresurlaub am Meer verbringen.

Mit dem Fahrrad, um die Nähe zum Urlaub einmal auf den Punkt zu bringen, bin ich in etwa 30 Minuten an den Strand im Nordseebad Dangast gefahren. Was ich sehr oft - gerade beim derzeitigen Wetter - mache. Mit über Nacht geladenen Akkus in Handy und Laptop merkt das noch nicht mal jemand. So sitze ich dann im Sand, leicht bekleidet, wühle mit dem großen Zeh Löcher in selbigen und arbeite an Ihrem Text, während ich Badegäste aus dem Ruhrgebiet beobachte, die immer noch meinen, bei uns hier wäre es normal sich mit Hafenschlick (dem sogenannten Tief- oder Schwarzwatt, der im Gegensatz zum helleren Küstenwatt eine eher unappetitliche Variante des Meeresbodes darstellt) einzusauen und den Rest des Tages so herumzurennen. Mitunter kommen mir dabei tolle Ideen, wie eine Klientin kürzlich zwischen zwei Lachattacken feststellen durfte.

 

Zu einem Urlaub gehört aber auch der Abstand von zu Hause, vom Alltag?

Na gut, dann setzen wir uns halt ins Auto, die Luzie und ich (wer die Luzie ist, weiß inzwischen derjenige, der hier im Blog liest, ganz genau. Für alle anderen: Einfach die vorherige Story lesen) und sind in 40 Minuten in Harlesiel. Von dort geht alle halbe Stunde ein Flieger nach Wangerooge. Als Friese sage ich ja immer noch "Wangeroog" - Wanger Oog gesprochen - und schließe mich somit dem Widerwillen der Inselbewohner gegen die behördliche Umbenennung an. Aber das ist eine andere Geschichte.

In 5 Minuten ab Harlesiel ist man auf der Insel und hat einen wundervoll entspannten Tag vor sich, inklusive Strand und Meer und Dünenspaziergang, der bei Bedarf von kurzen Arbeitsphasen unterbrochen werden kann, beim Kaffee in der "Buhne 35" (ja, Buhne, nicht Bühne. Das sind zwei vollig verschiedene Dinge) zum Beispiel. Man ahnt gar nicht, wieviel Abstand zum Alltag 7 km Nordseewatt in sich bergen. Und das Ganze für den halben Preis eines Besuchs im Freizeitpark.

Einen solchen Urlaub mache ich ganz gern ein bis zwei Mal im Monat, jeweils abhängig von Luzies freien Tagen, versteht sich.

 

Ja, das ist aber doch nicht mit, zum Beispiel, einer Kreuzfahrt vergleichbar, mit dem Gefühl unendlicher Weite und Freiheit auf dem offenen Meer?

Wenn man zurück statt des Fliegers die Fähre nimmt, schon. Eine Stunde Fahrt an Seehundbänken vorbei, von kreischenden Möwen begleitet (die nur darauf lauern, dass man sein Brötchen eine Sekunde lang nicht ausreichend bewacht - somit sind dann sogar Piraterie und Klaubolderei als Urlaubskomponente vertreten), entschleunigt sogar die Rückreise. Wenn es unbedingt richtig offene See sein soll, dann kann als alternatives Tagesreiseziel die Insel Borkum punkten. 30 km Hochsee, auf einem Schwabbelschiff zurückgelegt, befriedigt dann auch die Ansprüche hartgesottener See(reise)bären.

 

Machen Sie sich also keine Sorgen darum, ob ich mich beizeiten von der Arbeit an all den Texten erhole und den Kopf entsprechend frei für Sie und Ihr Projekt habe.

Laat mi ans maken, dat geit al.

 

Neulich sagte ein entfernter Bekannter zu mir: "So wie du arbeitest möchte ich mal Urlaub machen."

Ich habe zur Antwort nur beiläufig gelächelt, aber ein gedachtes "armer Kerl" (eigentlich "arme Sau", aber ich habe das gedanklich später überarbeitet) konnte ich mir dann doch nicht verkneifen.

 

Also, bis dahin wünsche ich einen schönen Urlaub.

Wir sehen uns dann dort :)

0 Kommentare

Fast gefastet...


"Ich glaube, ich möchte das mal probieren!", lasse ich die Worte nach dem Lesen eines Zeitungsartikels beim Frühstück mal wieder viel zu schnell aus mir heraussprudeln, an die Luzie gewandt versteht sich. Die Luzie ist meine Frau, und sie heißt nicht wirklich Luzie.

Sondern Julia. Aber da sie mich an die Kleine aus "Luzie, der Schrecken der Straße" erinnert, nenne ich sie eben so.

Der Artikel dreht sich ums Thema Fasten, was ich Luzie auf ihre Frage "Was'n?" dann auch erkläre.

"Ja, das kann ganz gesund sein, mir ist es das letzte Mal prima bekommen. Mach doch."

Luzie ist eigentlich diejenige, die das Ernährungsthema viel ernster nimmt als ich. Außerdem ist sie kräuterkundlich bewandert und hat rote Haare. Man mag sich dabei jetzt denken, was man auch immer möchte...

 

Die Umstellung auf vegane Ernährungs- und zunehmend auch Lebensweise habe ich ihr zu verdanken. Und das meine ich jetzt gar nicht garstig, mir hat das wirklich etwas gebracht. Das Kochen macht mir viel mehr Spaß, seitdem ich nach Jahren vegetarischer Kost nun auch auf Ei-, Milch- und sämtliche andere Produkte verzichte, an denen ein Tier unter Zwang auch nur vorbeigehen musste. Die Kreativität ist in meine Küche zurückgekehrt, und das bereitet mir Freude. Dementsprechend gerne nehme ich mir die Zeit und kümmere mich immer öfter um's Essen.

Doch zurück zum Fasten. Drei oder vier Tage nach meinem spontan geäußertem (und eigentlich gar nicht so schrecklich ernst gemeinten) Entschluss, das Fasten für mich zu entdecken, ist es wiederum die Luzie, die nun Nägel mit Köpfen macht: "Ich hab' doch nächste Woche Urlaub, dann fasten wir zusammen. Saftfasten. Wir können ja erstmal drei Tage machen, Montag bis Mittwoch."

"Ja, hm, ja. Gute Idee, das machen wir!", stimme ich hocherfreut zu.

Mist! Ich dachte, die vergisst das.

 

Das Ganze kommt aber auch wirklich etwas plötzlich.

Nun ist es ja so: Weil wir kein Fertigzeug oder andere industriell hergestellte Nahrung im Hause haben, ist unser Kühlschrank ständig gefüllt mit hochbrisanter Materie. Also Gemüse, in erster Linie, welches, frisch gekauft, gern zügig gegessen werden möchte. Und selbstverständlich hatten wir vor dem Wochenende eingekauft. Noch vor Luzies freundlichem Unterstützungsangebot. Ahnt ja keiner, sowas...

Was also nun, wohin mit der verderblichen Ware? Mag ja sein, ich überlebe die drei Fastentage - das gute Gemüse aber auf keinen Fall.

Klarer Fall, das Zeugs muss verarbeitet werden. Und zwar alles!

 

Gesagt - getan.

Mit Schrecken denke ich jetzt gerade, nach dem ersten Fastentag, an die unsägliche Fresseorgie zurück, die uns durch den unüberlegten Wochenendeinkauf diktiert wurde. Ein riesiger Topf mit "Michas feinster Erbsensuppe" für locker sechs Personen, eine große Pfanne voller "Austernpilze mit Balsamicogemüse an Vollkornreis" und zwei große Portionen "Shepherds Pie", die es in sich hatten, verursachen beim Schreiben dieser Zeilen schon wieder Bauchzwicken und Völlegefühl. Zumindest aber die unangenehme Erinnerung daran.

An Kalorien jedenfalls dürften wir für die nächsten drei Tage reichlich Vorrat haben und der Abwasch unseres gesamten in Anspruch genommenen Arsenals an Töpfen und Pfannen hält uns sicherlich auch noch etwas beschäftigt.

 

Von daher war der erste Fastentag wirklich erholsam und eine Wohltat für den gestressten Magen.

Obwohl ich ja schon wieder Appetit bekomme. So langsam...

 

 

0 Kommentare

"Für mich die Bratkartoffeln...


... aber vegan zubereitet, bitte."

Peinliche Stille tritt ein, hier am Tisch im Restaurant mitten in der City einer norddeutschen Kleinstadt. Hinten, am anderen Ende des Tisches, räuspert sich mein Schwiegervater kurz und trocken. Am Nachbarstisch klappert ein junges Mädchen leise mit dem Besteck. Die Bedienung heißt Tamara, so steht es zumindest auf dem Schildchen, welches sie am Kragen trägt. Der Rock steht ihr gut, aber die weiße Bluse ist nicht mehr ganz sauber und passt auf eine unbestimmbare Art und Weise nicht richtig. Der Herr am Fenster lacht kurz auf, während er die Speisekarte studiert. Komisch, ich hatte da gar nichts witziges drin gefunden.

"Ohne Speck, oder was meinen Sie?" fragt Tamara mit einem nur ganz leicht genervtem Gesichtsausdruck.

"Nee, vegan. Ohne Speck, ohne Ei und Butter, in einer Pfanne zubereitet, in der nicht unmittelbar vorher Teile eines Tiers gebruzzelt wurden. Mit Pflanzenöl. Mit frischem." Schwiegermutter, sie hat die große Salatvariation bestellt - á la carte, also mit den Putenbruststreifen (ich finde das Wort schon eklig) - schaut betreten in die Karte.

"Also, ohne Speck geht, aber ohne Ei und Butter können wir nicht!"

'Können Sie was nicht?' will ich kurz fragen, beschränke mich aber auf ein weniger provokantes "Warum?"

"Weil der Koch die immer mit Ei macht, das geht doch auch gar nicht anders."

Oder deswegen, weil die Bratkartoffeln als eingekauftes "Convenience" Produkt portionsweise in Plastik eingeschweißt im Kühlschrank liegen, lautet mein nächster Gedanke. Stattdessen frage ich, was sie mir denn empfehlen würde, wenn ich etwas Veganes essen möchte.

"Sonst schauen Sie doch nochmal in die Karte, ich kann gleich nochmal rumkommen."

"Nee nee, ich will ja nicht raten, sondern beraten werden", versuche ich die Zufuhr von Nahrung zeitlich in eine für die anderen Anwesenden akzeptable Schiene zu lenken. Schließlich können meine Schwiegereltern nichts für meine Ansprüche, das Essen betreffend. Jürgen sieht sehr hungrig aus und so kurz vor Weihnachten, mit einem teuren Garmin fürs Rennrad auf dem Wunschzettel, will ich seine Laune nicht über Gebühr strapazieren.

"Einen Salat können Sie ja nehmen, wobei ich bei der Soße nicht weiß, was drin ist."

"Okay, dann den Salat. Aber ohne Dressing, nur mit Essig und Öl - separat - bitte."

"Das nehm' ich dann auch, bitte." schließt sich meine Frau an.

 

So endet das oft, hier draußen auf dem platten Land. Natürlich verstehe ich, dass sich das gastronomische Angebot in erster Linie an der Nachfrage orientiert. Kein wirtschaftlich denkender Restaurantchef legt sich Produkte auf Halde, die er innerhalb der Haltbarkeitsfrist nicht verkauft - beziehungsweise verkocht - bekommt.

Muss er aber auch gar nicht. Vegane Kost zeichnet sich schließlich dadurch aus, dass sie aus Dingen zusammengesetzt ist, die ohnehin in jeder besseren Küche zu finden sind. Aus Gemüse, in erster Linie.

 

Ja, sagt nun der vom Lifestyle genervte Skeptiker bezüglich Aasfreier Nahrung, aber Quinoa, Chiasamen und das ganze andere exotische Superfoodzeugs mit unaussprechlichen Namen ist teuer, liegt halt eben doch nicht einfach so im Vorratsschrank und gehört ja nun unbedingt zur veganen Modeküche für intellektuelle Weltverbesserer dazu. Quatsch, sage ich! Gar nicht gehört es das!

Superfoods sind nicht, im Vergleich mit klassischen, heimischen "Foods", so sehr viel mehr super. Und die Klassiker wachsen hier um die Ecke und müssen nicht aus andrer Herren Länder aufwändig importiert werden. Vieles kann man sich im eigenen Garten ziehen. Oder auf dem Balkon, ersatzweise. Das meiste gibt's sogar beim Aldi.

 

Was spricht, liebe Restaurantköche, gegen zwei Scheibchen Kohlrabi, mit eifreier Panade in einer Pfanne mit pflanzlichem Schmalz ausgebacken, dazu eine vegane Bratensoße und - Bratkartoffeln, ohne Ei und Speck? Das ist schnell gemacht, und die Zutaten liegen ohnehin irgendwo rum. Lecker ist's obendrein. Und gar nicht teuer im Einkauf.

 

Ansonsten esse ich eben weiterhin lieber zu Hause und lade mir meine Leute hierhin ein. Für labbrigen Salat oder banale Pommes ohne Alles ist mir das Schuhe zubinden zu viel Aufwand. Und meine Gäste können das gesparte Geld dann ja in teure Weihnachtsgeschenke investieren.

Das ist mir eigentlich sogar lieber.

 

Also Kommando zurück, liebe Köche. Macht weiter wie bisher.

Alles ist gut.

 

 

 

 

 

 

0 Kommentare

No!Spec


"Sehr geehrter Herr Pils,

gerne möchte ich Sie mit dem Lektorat meines Manuskripts [...] beauftragen.

[...]

Vorher möchte ich mir natürlich einen Eindruck von Ihrer Arbeit machen und überlasse Ihnen daher eine Leseprobe für das Exposé, die Sie mir bitte bis spätestens [...] vollständig lektoriert und frei von Rechten zurücksenden. Bei Gefallen beziehe ich Sie gerne in die engere Wahl für das Lektorat des vollständigen Werkes mit ein.

 

Mit freundlichen Grüßen"

[irgendein Autor]

 

"Sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich schreibe derzeit an einer wissenschaftlichen Abhandlung zum Thema [...] und benötige tatkräftige Unterstützung in den Bereichen [...].

Bevor ich Sie verbindlich beauftrage, möchte ich mich vergewissern, dass wir sprachlich auf einer Welle schwimmen. Daher erlaube ich mir, einen thematisch an die Ausarbeitung angelehnten Fachartikel - welcher in der [Monat]ausgabe der [...] erscheinen soll - bei Ihnen anzufordern. Diesen würde ich als Arbeitsprobe ansehen und Sie bitten, mir diese Probe rechtefrei zur Verfügung zu stellen.

 

Wenn die Arbeitsprobe meinen Vorstellungen entspricht, bin ich bereit Verhandlungen bezüglich der Verfassung der kompletten Abhandlung mit Ihnen aufzunehmen.

 

Mit freundlichen Grüßen"

[irgendein wissenschaftlicher Mitarbeiter irgendeiner Universität]

 

So etwas nennt man spec working (bzw. die Frage nach demselben), ein Trend der zunehmend von jenseits des Atlantiks zu uns herüberschwappt. Spec work - "spec" ist hierbei kurz für "speculative" - ist im Wortsinne spekulative Arbeit. Also eine Arbeit mit der Spekulation darauf, dass selbige möglicherweise zu weiterer Arbeit führt.

Unbezahlt, versteht sich. Als Arbeitsprobe eben.

Grundsätzlich ist der Gedanke ja nicht dumm. Schon der Vater des Klempnermeisters Röhrich - berühmt durch die "Werner" Comics und Animationsfilme des Künstlers "Brösel" Rötger Feldmann - wusste: "Arbeit zieht Arbeit nach sich!". Wie viele der Weisheiten des alten Röhrich ist auch diese nicht einfach so von der Hand zu weisen. "Satisfied customers are returning customers" - zufriedene Kunden kommen wieder. Das kann ich voll bestätigen. Wie aber soll ein (potentieller) Kunde vorab wissen, ob er mit meiner Arbeit zufrieden sein wird? Sprachgefühl, Sprachgewandheit, Wortschatz, Empathie - das sind alles Dinge, die man nicht in einer technischen Beschreibung darstellen kann. Und wirklich viel, aus dem der werden wollende Kunde Rückschlüsse auf den von mir bevorzugten Schreibstil ziehen kann, gibt es hier auf der Schreibegeist-Seite auch nicht zu finden - ich komme ja kaum dazu mal wieder etwas Text in eigener Sache zu Papier zu bringen.

 

Da ist eine Arbeitsprobe eine feine Sache. Das finde ich auch. Und deswegen lasse ich da auch mit mir drüber reden.

Aber bitte, wenn schon kostenfrei, doch nicht gleich einen vollständigen Artikel, eine Leseprobe oder eine sonstwie abgeschlossene Arbeit, die einen vollen Arbeitstag in Anspruch nimmt - und dann auch noch frei von Urheberrechten und zur freien Verwertung durch den - sich möglicherweise nie wieder meldenden - "Kunden"!

 

Nee, das geht nicht.

Ich habe mir kürzlich den Scherz erlaubt, in gleicher Art und Weise bei verschiedenen Handwerksbetrieben anzufragen. Die freundlichste, wenn auch trotzdem ablehnende Antwort bekam ich von einer Autowerkstatt, die ich gebeten hatte mir kostenfrei das Öl zu wechseln bevor ich darüber entscheiden würde, eine große Inspektion in Auftrag zu geben. Anscheinend ist die Konkurrenzsituation in der Branche ausreichend groß, um sich mit einem Rest von Höflichkeit selbst solcher Fragen anzunehmen.

Die direkteste Antwort kam vom Fliesenleger und lautete schlicht und ergreifend: "Du spinnst wohl?", die kürzeste vom Gärtner, der sich auf ein verwundertes "Wat?" den Sachverhalt der kostenlos zu stutzenden Hecke nochmals erklären ließ bevor er das Telefonat kommentarlos beendete.

 

Soll ich Ihnen was sagen? Ich empfand die durchweg ablehnende Haltung der von mir angefragten Handwerker als absolut berechtigt und würde mir wünschen, wir Kreative hätten auch ein entsprechendes Selbstwertgefühl und das Bewusstsein um den Wert unserer Arbeit, und würden uns - und damit auch andere in der Branche tätige - nicht dadurch abwerten, spec working Aufträge anzunehmen.

 

Daher mein Aufruf an alle freiberuflich kreativ Tätigen: Tut das nicht!

Wertet eure und meine Arbeit nicht dadurch ab, dass ihr sie billigst an den Mann zu bringen versucht. Und wenn ihr einen Auftrag nicht bekommt, weil ihr eine breite Brust zu zeigen wagt - dann kommt der nächste ganz bestimmt. Wenn ihr euch Sorgen um eure Rente macht, dann hättet ihr eben etwas Vernünftiges lernen, oder gleich eine Beamtenlaufbahn einschlagen sollen. Da ist alles schön geregelt und sicher.

 

Und ein Aufruf an alle Interessenten und mögliche Kunden: Tut das nicht!

Unbezahlte Arbeit übt nicht etwa, nein - sie frustriert und macht mürbe. Durch die Forderung nach spec working und der anschließenden Vergabe von Aufträgen an den, der nicht nur kostenlos geliefert hat, sondern danach auch noch billigst arbeitet, wird ein ungesunder Druck auf die gesamte Branche ausgeübt - welcher langfristig der Qualität der von Ihnen als Kunde geforderten Arbeit nicht dienlich ist. Und unbezahlte Arbeit dann auch noch zum eigenen Vorteil zu verwerten ist nun wirklich alles andere als schicklich.

 

So! Halleluja!

Das musste einfach mal gesagt werden.

0 Kommentare