Die Halawa Affäre


Ja!

Ich gebe zu, ich bin ein Opfer des Kommerzes.

Über Alltäglichkeiten wie die Tatsache, dass ich im Fernsehen eine Werbung für eine neue Eissorte sehe und Minuten später in der Schlange an der Kasse stehe, die Arme voll tiefgekühlter Köstlichkeiten, denke ich schon kaum noch nach. Auch dass ich allen Ernstes literweise Bier einer bestimmten Marke in mich hinein schütte um einige Quadratmeter Regenwald vor der Rodung zu retten, ist nichts was mir als Greenpeace-Fördermitglied noch schlaflose Nächte bereitet.

Höchstens Kopfschmerzen am nächsten Morgen.

Aber was hier als "Halawa Affäre" in die Geschichtsbücher der Eselei Einzug hält, bringt selbst mich als hartgesottenen Verfechter des geistigen Tieffluges dazu resignierend den Kopf über diesen Teil meines Ichs zu schütteln.

 

Beginnen wir da, wo es am meisten Sinn macht: Am Anfang.

 

Es hat sich über die Jahre einiges geändert in dem von mir letztlich wieder betriebenen Sport; dem Radfahren.

Neuartiges Zubehör aus exotischen Materialien sorgt dafür, dass derjenige der schnell Radfahren will sein Geld loswerden kann. Neue Ansätze in der Trainingsgestaltung werden von Sportwissenschaftlern propagiert, um hier und da noch das eine oder andere Watt an Leistung herauszukitzeln. Biodynamiker vermessen die Sitzposition auf den Bruchteil von Millimetern, um Rückenschmerzen und Leistungsverlust entgegen zu wirken.

Nur ein Problem des leidgeplagten Sportlers ist nach wie vor ungelöst: Die Beinrasur.

Immer noch, wie schon seit hundert Jahren, verrenkt sich der Athlet unästhetisch unter der warmen Dusche, hält eine empfindlich scharfe Klinge in der Hand und versucht sich der störenden Fusseln an den Beinen zu entledigen.

 

Warum?

 

Der Eine sagt bei Massagen ist es angenehmer wenn die Haxen unbehaart sind, der Andere meint bei Verletzungen werde so die Gefahr von Infektionen vermieden (was ein Quatsch: Wer schon mal mit 30 Sachen über den Asphalt gerutscht ist weiß, dass in der entstehenden Wunde ohnehin keine Haare mehr sind. Da ist ja auch keine Haut mehr, aus der sie herausschauen könnten). Wieder Andere behaupten das Tempogefühl wäre intensiver wenn der Fahrtwind nicht durch Haare gedämpft würde.

Mag alles sein - oder auch nicht.

Ich persönlich finde einfach es sieht um einiges schicker aus wenn angespannte Muskeln sich unter nackter Haut präsentieren. Ganz nebenbei werden die Stelzen schneller braun.

Sofern die Sonne scheint...

Wir waren aber bei dem Sportler, der sich mit einem potentiell gefährlichen Schneidwerkzeug die widerlichen Haare von den gestählten Muskeln schabt.

Nervtötend ist das und mitunter auch blutig, gerade wenn man an Stellen anlangt die ohne weiteres nicht mehr einsehbar sind. Zack - einmal falsch geführt, die garstige Klinge, und schon ergießt sich ein Strom hellroten Blutes auf den frisch geputzten Boden der Duschwanne.

Verdammte Schweinerei.

 

Da muss es doch noch andere Möglichkeiten geben.

 

Klar, sagt jetzt die überwiegende Mehrheit, zumindest der weiblichen Leser: Der Epilierer!

Ach was?

Wissen Sie eigentlich, was das für Höllenschmerzen sind, wenn in sadistischer Art und Weise Haar für Haar einzeln aus dem Bein gerissen wird?

Ja, wissen Sie.

Das ist Gewohnheitssache?

Es gibt Dinge, an die will ich mich nicht gewöhnen. Der Epilierer gehört dazu.

Gut dann eben Wachs.

Herrschaftszeiten! Ernsthaft, ich habe das probiert. Nach zwei Streifen Kaltwachs habe ich wieder zum Rasierer gegriffen. Mit Tränen in den Augen und einer Haut an den Beinen, die brannte wie Feuer.

Wer sich das antut kann auch schmerzfrei Kinder auf die Welt bringen.

Ich kann das nicht. Beides.

Dann nimm Enthaarungscreme, du Weichei - höre ich die Damen entnervt aufseufzen.

Das stinkt. Und brennt. Und am Ende ist dann doch wieder der Rasierer gefordert, weil alle paar Zentimeter ein nicht sterben wollendes Haar widerspenstig weiterhin den Kopf aus der Haut steckt. Gehässig grinsend, glaube ich. Nein, nein, nein. Ich werde mich also weiterhin mit der unfallträchtigen Miniatursense in gebeugter Haltung abmühen.

Dachte ich.

 

Ein Leidensgenosse gab mir den Tipp, es doch mal mit Halawa zu probieren. Über eine Suche in einschlägigen Suchmaschinen kroch dann langsam, aber sicher die falsche Schlange Werbung auf mich zu.

Sugaring heißt der mit Halawa verbundene Trend der aus dem alten Ägypten mit Umweg über das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu uns herüberschwappt. Kosmetikstudios bieten diese Methode zu herrlich überzogenen Preisen als Gegentrend zum Waxing an, da bei der neuen und doch alten Methode die Haut geschont und das Haar quasi schmerzfrei samt Wurzel aus dem Körper gezogen wird.

 

Ja, das ist es! Das will ich!

Nach kurzer Suche war eine Anleitung zum Selbermachen der Paste gefunden und ich ging frisch ans Werk.

Zucker, Wasser und Zitronensaft in einen Topf, zum kochen bringen und goldgelb werden lassen, danach in eine Schale mit dem Zeugs und abkühlen lassen. Toll wie einfach das ist.

Sobald die Masse eine erträgliche Temperatur erreicht hatte schmierte ich fröhlich etwas davon auf mein linkes Schienbein. Ein warmes, angenehmes Gefühl breitete sich auf der Haut aus. So angenehm, dass ich gleich noch ein wenig weiter schmierte. Bis der ganze Unterschenkel voll mit Karamellbonbonpaste war.

Huch, das war vielleicht etwas viel, der Kram muss ja auch wieder runter vom Bein. Also schnell das bereitliegende Baumwolltuch geschnappt, auf die Masse aufgedrückt, die Zähne schon mal in Erwartung des möglicherweise ja doch kommenden Schmerzes zusammengebissen und - Ruck - !

 

Träge erhob sich der Stoffstreifen, gefolgt von sich in die Länge ziehenden Fäden aus Zuckerwasser mit Zitronensaft Gemisch von der Haut und folgte widerwillig der Richtung meiner Ziehbewegung.

Hm.

 

Vielleicht hatte ich aus Angst vor dem Schmerz einfach zu langsam gezogen?

Nochmal. Tuch aufdrücken, Zähne zusammen beissen und - RUCK -!

Bei diesem Versuch lupfte ich den Lappen tatsächlich so schnell, dass die entstehenden Zuckerfäden lang genug wurden um sich beim zurück fallen einmal um die komplette Wade zu wickeln.

'Klebt wirklich gut, die Sache', dachte ich voller Bewunderung.

Zu gut...

 

Inzwischen war die Zuckerplörre fast gänzlich erkaltet und spannte ein wenig auf der Haut, wo sie eine fast schon glasharte Schicht gebildet hat. Beim letzten Versuch das Tuch aufzudrücken, hörte ich ein leises Kichern von irgendwo her. Kann auch sein, dass es sich dabei lediglich um eine Sinnestäuschung bedingt durch die in mir hochkochende Wut handelte. Während die sich immer noch erkaltende, und immer noch zusammenziehende Masse ein äußerst unangenehmes Gefühl der Spannung verursachte, versuchte ich verzweifelt das Teufelszeug mit den Fingern zu entfernen. Was sich in der Folge als sinnloses Unterfangen entpuppte, bei welchem durch konsequente Umsetzung möglicherweise Fingernägel auf der Strecke hätten bleiben müssen.

Der kurze Gedanke an einen günstigen Luftwiderstandsbeiwert und eine damit möglicherweise verbundene Leistungseinspaarung durch verbesserte Aerodynamik am linken Unterschenkel wurde durch das Bild eines in einer Presse aus Zucker gebrochenen Wadenbeines verdrängt, als sich die inzwischen auf den Härtegrad eines Diamanten heruntergekühlte Höllenmaschine Schraubstockartig immer enger um mein Bein schloss.

 

Das Zeug musste ab. Doch wie?

In Richtung Werkzeugkasten humpelnd dachte ich die Möglichkeiten durch. Hammer und Meißel fielen mir spontan ein. 

Einen Hammer habe ich.

Einen Meißel allerdings nicht. Wozu auch? Ich musste mich bisher noch nie mit schierer Gewalt aus einer steinharten Beinverkleidung befreien. Diese Möglichkeit entfiel also.

Der Dremel! Der geht immer. 

Die Trennscheiben aus Wolframkarbid bekommen jedes Material durchschnitten. Wahrscheinlich auch Haut und Knochen, warnte eine Stimme in meinem Kopf als ich mir vorstellte, wie die mit mehreren tausend Umdrehungen rotierende graue Scheibe die goldbraun glänzende Schicht durchtrennt. Ich kam direkt ins schwitzen bei dem Bild vor meinem geistigen Auge.

Puh! Erstmal ein Schluck Cola. Das kühlt, erfrischt und gibt Energie, die braune Zuckerplörre.

 

Zuckerplörre...

Zucker und Wasser...

Löslich!

Zucker - Wasser - löslich!

Hurra!

 

Die heiße Dusche sorgte für ein wunderbar entspannendes Gefühl, als sich der Panzer im kostbaren Nass auflöste und auf Nimmerwiedersehen im Ausguss verschwand.

Und wo ich gerade schon mit der Dusche im Gange war konnte ich auch gleich noch die Beine rasieren. Die waren eh mal wieder fällig.

Wie praktisch...

 

© Michael Pils